| Startseite | Über uns | Diagnose MS | Therapie MS | Alltag MS | Gästebuch | Impressum | Sitemap |  

Bei dem Wort “Chemotherapie” denken die meisten wahrscheinlich an ihrer Haare verlustig gegangene, sich im Krankenbett krümmende und (man verzeihe mir die drastische Formulierung) die Seele aus dem Leib kotzende Patienten. Ich bestreite weder, daß es so was gibt, noch daß es schrecklich ist – schon deshalb, weil Chemo oft ein Krebsleiden noch grauenvoller werden läßt, als es ohnehin schon ist.

Aber gleichzeitig sage ich: Die Chemo wegen MS hat bei mir keine der oben beschriebenen Nebenwirkungen gehabt. Das liegt nun weniger an meiner (keineswegs robusten) Konstitution, sondern schlicht an der Tatsache, daß sich eine Krebs–Chemo verglichen mit einer MS–Chemo für den Körper etwa so darstellt wie ein Armeepanzer gegenüber einem Streifenwagen der Polizei. Es ist im Grundsatz das gleiche Medikament – Mitoxantron –, das hier zur Anwendung kommt, aber wo der “Krebspanzer” aller niederwalzt, was sich ihm in den Weg stellt, läßt der “MS–Streifenwagen” vielleicht mal das Blaulicht flackern und die Sirene heulen – mehr nicht. Denn, das ist der Punkt: die Dosierung bei MS–Chemo ist eine ganz andere, eine viel geringere.

Chemo ist leider das einzige, was derzeit an Medikamenten bei progedienter MS verfügbar ist.

Ziel der MS–Chemo ist es, das fehlgeleitete und die MS verursachende Immunsystem des Körpers in Teilen zu unterdrücken und so gewissermaßen einen pharmazeutischen Hemmschuh aus Eis vor den talwärts rollenden Wagen zu werfen. (“Eis” deshalb, weil die Wirkung nach einer Weile nachläßt, so als ob das Eis schmilzt. Tja, leider ist es “Eis” und kein “Eisen”.)

Hier meine Erfahrungen mit Chemo.

Ich habe im Krankenhaus Offenbach / Main (Städtische Kliniken) bislang drei Chemos bekommen. Es war jedesmal eine stationäre Aufnahme, ambulante Chemo gibt es nicht. Vor der ersten Chemo war ich im Krankenhaus noch bei mehreren Spezialisten, um den körperlichen “Nullzustand” vor Beginn der Chemo als “unbedenklich” einzustufen. Was wollten die nicht alles wissen! Großes Blutbild, Urologe, Kardiologe, Lungenschirmbild!

Und mir wurde gesagt, ich solle vorerst lieber kein Kind zeugen. Erbgutverändernde Folgen sind derzeit wohl keine bekannt, aber man(n) geht lieber auf Nummer sicher. Für die Schwangerschaft einer Frau gilt ähnliches.

Die Anfangsuntersuchungen waren sicher notwendig, denn Mitoxantron wirkt langfristig herzschädigend, und es gibt eine Lebensdosis, die zu überschreiten kardiologische Konsequenzen haben kann.

Es ist nun mal eine Chemotherapie – nicht bloß eine flüssige Kopfschmerztablette.

Die Chemo selber war ein Tropf mit einer blauen Flüssigkeit, die intravenös verabreicht wird. Vor dem eigentlichen Mitoxantron–Tropf bekam ich eine Infusion gegen mögliche Übelkeit, und hinterher noch eine “Spülinfusion” mit einem Liter “Ringer”–Lösung.

Aber die Chemo hat bei mir keine (negativen) Nebenwirkungen gehabt. Bezogen auf die MS fühlte ich mich besser – nicht geheilt (klar!), aber besser. Wichtig scheint mir, daß man nicht den Fehler machen sollte, wegen der maximalen Lebensdosis zu große Abstände zwischen den einzelnen Chemozyklen zu lassen. Ein Neurologe hat es mal so formuliert: “Niemand, der MS hat, wird nach einer Chemo aus dem Rollstuhl wieder aufstehen können – aber es ist möglich, mit der Chemo den Rollstuhl hinauszuzögern.”

Ich finde, schon das ist es wert – zumal ich die Chemo letztlich gut vertragen habe

Post scriptum: Wer über die Chemo mehr erfahren will, gebe mal “Mitoxantron” in eine dieser famosen Internet–Suchmaschinen ein. Dann purzeln einem die Informationen nur so entgegen.

Nachsatz:

Die Lebensdosis Mitoxantron wurde vom Hersteller von 140 auf 100 mg/qm Köperoberfläche herabgesetzt (“aktiv”) – sicher nicht aus Daffke, aber es ist schon traurig, wenn die einzige Medikation zum vorläufigen Erhalt der Lauffähigkeit um insgesamt ein knappes Drittel reduziert wird. Letztlich nähme ich lieber ein kardiologisches Risiko auf mich (oder die Hypothek, im Falle einer Krebserkrankung nicht mehr mit Chemotherapie behandelt werden zu können,) als ein zeitigeres Plumpsen in den Rollstuhl. Was würde wohl ein Ertrinkender sagen, dem der Rettungsring nach zehn Minuten wieder entzogen wird – mit der Begründung, daß ein Rettungsring gegen hungrige Haie eigentlich nichts nützt?

Nachsatz 2 (Oktober 2006):

Ich vermag nicht zu sagen, was die nachstehend beschriebene (ich formuliere es mal freundlich:) Korrektur ausgelöst hat, aber gut klingt es: Sofern keine kardiologisch begründbaren Bedenklichkeiten bestehen, kann die Lebensdosis nunmehr wieder auf 140 mg/qm Köperoberfläche heraufgesetzt werden.

In Anlehnung an die oben gemachte Metapher sei mir der folgende, hoffentlich nicht zu albern daherkommende Vers gestattet:

Zwar wird der Hai nicht harpuniert / doch bleibt er (erst mal) distanziert.

(Frithjof, 40 Jahre / März 2006)

Copyright: Selbsthilfegruppe MainSterne Mühlheim