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Meine MS fing harmlos an, geradezu unbemerkt – wahrscheinlich ist das der Normalfall. Der schleichende Anlauf hat natürlich auch Vorteile: Man lebt länger unbeschwert und unbelastet.

“Sag mal, frierst du?”

“Nein, wieso?”

“Du zitterst mit den Armen. Ist dir kalt?”

“Neinnein – alles in Ordnung.”

Dieser Dialog fand irgendwann Mitte der neunziger Jahre zwischen meiner Mutter und mir statt. Ich wohnte noch in Berlin. Die letzten drei Worte waren sicher ehrlich – aber richtig waren sie nicht.

Denn ein paar Jahre vorher, 1988 und 1992, hatte ich zwei Male Sehbeschwerden gehabt – beim ersten Mal eine Art Schleier vorm Auge, der sich weder beim Augenarzt noch in der Uni-Klinik Erfurt irgendwie diagnostizieren ließ. 1992 waren unerklärliche Doppelbilder. Allgemeinarzt, Augenärztin und auch Neurologin konnten nichts finden – letztere schickte mich zum EEG, weil sie einen Tumor ausschließen wollte – das wars. Die Sehstörungen verschwanden immer wieder, ich dachte nicht mehr daran.

Sicher wäre die MS spätestens 1992 von der Neurologin zu diagnostizieren gewesen – wenn sie die richtige Idee gehabt hätte. Aber wäre ich mit einer (recht-)zeitigeren Diagnose glücklicher geworden? Wohl eher nicht. Zwar hätte eine Therapie eher einsetzen und die Progredienz womöglich verhindern, zumindest aufhalten können, aber andererseits habe ich sicher unbeschwerter gelebt ohne das Damoklesschwert einer unheilbaren und im Verlauf unvorhersehbaren Krankheit. Ich bin der Neurologin nicht dankbar – aber ich mache ihr auch keinen Vorwurf.

(Frithjof, 40 Jahre / Januar 2006)

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