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Mitleid konnte ich noch nie leiden. Mitleid wirkte auf mich immer negativ. Es klang nicht echt – sondern irgendwie falsch. Ging es mir mal schlecht, wollte ich niemandem leid tun. Zuneigung und echtes Interesse wünschte ich mir dann – aber kein Mitleid! Auch als ich vor zwölf Jahren die Diagnose MS erfuhr, spürte ich meine Angst vor Mitleid. Die Diagnose wollte ich zwar nicht geheim halten, aber einfach offen darüber reden und dazu stehen konnte ich auch nicht.

Natürlich habe ich es meinen Freunden erzählt. Aber ich bemühte mich, der Nachricht den Schrecken zu nehmen. Bloß kein Mitleid! Es bestand ja die Chance, dass MS bei mir günstig verläuft. Die Diagnose MS musste ja nicht das Schlimmste bedeuten! Also äußerte ich mich locker und zeigte mich hoffnungsvoll und positiv. In den darauf folgenden Jahren klappte es. Mir ging es trotz MS relativ gut. Körperlich war ja nur unmerklich was zu spüren. Und meine Freunde lobten meine positive Einstellung. Ängste, die mich ab und an überfielen, konnte ich unterdrücken und versuchte mir nichts anmerken zu lassen.

Doch nach einigen Schüben, von denen ich mich nicht mehr richtig erholen konnte, wurde es offenbar. Mein Laufen wurde sichtbar schlechter. Anfangs war es nur die Art, wie ich mich bewegte. Stock bzw. Krücken schließlich waren nicht mehr zu übersehen. Fremde Leute sprachen mich jetzt ständig an, was ich denn gemacht hätte! Anscheinend wurde eine Art Unfall vermutet, und dass mein Körper nur vorübergehend verletzt war. Solche Fragen nahm ich eher positiv auf. Zeigten sie mir doch, dass allein die körperliche Einschränkung und nicht die Schwere meiner Krankheit sichtbar wurde. Aber bei Aufklärung spürte ich dann doch, wie sich der Gesichtsausdruck meines Gegenübers plötzlich veränderte. Die Augen drückten nun Mitleid aus!

Immer öfter verfolgten mich jetzt mitleidige Blicke. Ich bemerkte wie mein Bedürfnis zunahm, anderen zu beweisen, dass ich eben nicht bemitleidenswert bin. Aber immer wieder geriet ich in Situationen, in denen ich das Mitleid nicht verhindern konnte. So stand ich eines Tages vor den Stufen einer Gaststätte und überlegte, wie ich meine Krücken am besten setze, um sicher hinein zu kommen. Eine ältere und gebrechlich wirkende Frau (mindestens sechzig!) bot mir ihre Hilfe an. Was sollte das? Wie will mir so jemand helfen? Also lehnte ich eher barsch ab.

Ähnliche Situationen wiederholten sich. Je öfter mir jetzt Hilfe angeboten wurde, desto mehr Ablehnung spürte ich in mir. Sobald ich unter Leute kam, fühlte ich mich beobachtet. Die Folge war: mein Gang wurde noch unsicherer und noch schlechter. Es war wie ein Teufelskreis. Meine Gedanken kreisten nur noch darum, wie andere Leute mich sehen. Und die Angst vor Mitleid lähmte meine Bewegungen.

Vor ca. zwei Jahren bekam ich einen Rollstuhl. Meine Körperbewegungen waren nun nicht mehr so oft der Öffentlichkeit ausgesetzt. Aber an den Reaktionen meiner Umwelt änderte sich kaum etwas. Nur - man wollte mir nicht mehr bei der Treppe helfen sondern beim Einladen des Rollstuhls ins Auto.

Irgendwann fragte ich meinem Psychologen, warum wollen alle Leute helfen, auch wenn offensichtlich ist, dass sie gar nichts helfen können? Ich verstand dieses Mitleid nicht. Er erklärte mir: Mitleid kommt von Mitleiden. Wenn Menschen bemerken, dass sich jemand nicht normal bewegt, versetzen sie sich intuitiv in die Lage des anderen. Die anormale Bewegung bereitet ihnen Unbehagen, sie leiden quasi mit. Spontan möchten sie die Bewegung korrigieren - vergleichbar mit dem Reflex, ein schiefes Bild wieder gerade zu hängen. Denn die Hilfsangebote erfolgen ja spontan, ohne lange Überlegung.

Ich begann langsam, Mitleid mit anderen Augen zu sehen. Erfahrungen mit Feldenkrais brachten mir weitere Erkenntnisse. Ich bemerkte, dass ich Mitleid und Hilfsangebote immer bewertete. Und meine Reaktionen waren eigentlich nur eine Antwort auf meine eigene Bewertung. Doch wenn ich mit der Bewertung aufhöre, sind Hilfsangebote einfach Hilfsangebote, nicht mehr und nicht weniger. Ich kann sie annehmen oder ablehnen. Auch Mitleid ist einfach nur Mitleid - und grundsätzlich nichts Negatives. Mitleid meint einfach Anteilnahme, auch wenn Mitleid echt, geheuchelt oder falsch sein kann.

Es war ein langer und mühsamer Erkenntnisprozess. Aber heute kann ich mich freier unter Leuten bewegen und mit den Reaktionen meiner Umwelt besser umgehen. Ich habe weniger Angst vor Mitleid und verspüre weniger Druck, anderen meine körperlichen Fähigkeiten beweisen zu müssen.

(Anna, 50 Jahre / Juli 2005)

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