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Es ist keine Schande, auf die Hilfe anderer zuzugreifen, auf diese angewiesen zu sein. Niemand von uns hat gesagt: "MS? Ja, gerne! Kann ich gut gebrauchen!" Insofern: Jeder käme wohl lieber allein zurecht, aber es gibt nun mal Dinge, die einfach nicht gehen. Und in solcher Situation Hilfe von außen anzunehmen, ist weder ehrenrührig noch unvernünftig.

Wieviel Hilfe, welche Art von Hilfe brauche ich, will ich zulassen?

Es bleibt eine Gratwanderung, nicht bloß nach außen, sondern auch gegenüber dem eigenen Empfinden und Selbstwertgefühl. Gebe ich zu viel von mir auf, wenn ich um Hilfe bitte, sie annehme und auf diese Weise meine Behinderung quasi untermauere? Was kann ich mir noch zutrauen? Wie lange kann ich mir meine Selbständigkeit in einem gewissen Grade noch erhalten? Und was kann ich, muss ich dafür tun? All diese Fragen lassen sich in einer zusammenfassen: Wie wird sich meine Krankheit weiter entwickeln? Und dann biegt sofort die nächste Frage um die Ecke: Würde ich das eigentlich wissen wollen? Meine persönliche Antwort darauf lautet: Nein.

Zwei Merkmale einen fast alle Gesunden, wenn sie es mit einem behinderten MSler zu tun haben: Sie sind durchaus hilfswillig und hilfsbereit, gleichzeitig aber hilfsbedürftig, was das Ansetzen eigener Hilfsmaßnahmen betrifft. Will sagen: Andere können kaum abschätzen, von welcher Art und in welchem Maße ein Behinderter fremder Unterstützung bedarf. Es nutzt nichts, den Gegenüber blicktechnisch zu durchbohren und ein stummes "Siehst du nicht, dass ich deine Unterstützung brauche?!?" hineinzulegen. Bisher hab ich noch nie: "Nö, keine Lust!" gehört, wenn ich zu Wildfremden auf der Straße sagte: "Entschuldigung, können Sie mir einen großen Gefallen tun, indem Sie ... ?"

Unaufgefordert agieren die Leute erst, wenn man (mehr oder weniger kunst- und geräuschvoll) hingefallen ist und sie einem wieder auf die Beine helfen - aber so weit muss es ja nicht kommen. Manchmal reicht schon "Können Sie mir bitte kurz einen Fixpunkt geben?", wenn es gilt, zwei, drei Stufen hinabzugehen und kein Handlauf / Griff vorhanden ist. Mittlerweile bin ich da ziemlich hemmungslos geworden. Mir persönlich fällt es immer leichter, einen Mann als eine knusprige junge Dame um Hilfe zu bitten - ich will mich da nicht einem (unausgesprochenen) Vorwurf originellen Anbaggerns aussetzen. (Das kann aber ein letztlich unbegründeter Spleen von mir sein.) Man sollte auch ruhig sagen: "Greifen Sie richtig zu, es tut nicht weh!" Mir ist ein fester, verlässlicher Griff allemal lieber als eine softe "Alibihand". Und überdies: Ein blauer Fleck am Arm wäre verschmerzlicher als eine gebrochene Nase.

Noch eine Abschweifung zum Thema "Hinfallen": Eine "Fallschule" zu besuchen ist sicher übertrieben, aber das Fallen mehr als Abrollen denn als Hinknallen zu gestalten, ist gewiss empfehlenswert. Und: Mir geht es so, dass ich, wenn ich erdmittelpunktwärts verlagert (vulgo: gefallen) bin, erst einmal noch im Liegen eine Art "Status-Check" mache: Ist was gebrochen? Blute ich? Hab ich was umgeschmissen? Denn noch tiefer fallen werde ich nicht, mit dem Hochrappeln kann ich mir also Zeit lassen. Ich wüsste nur zwei Situationen, in denen ich mich beeilen würde, wieder auf die Beine zu kommen: Wenn ich in eine Pfütze gefallen bin oder in einem Ameisenhaufen liege.

Auch an Tankstellen kann sich Unterstützung als nötig erweisen, weniger beim Betanken, sondern vielmehr beim Reifenluftdruck. Ich hab auch schon schwarzlederbewamste Rockerpersönlichkeiten darum gebeten, mit der Druckluftkanne um mein Auto zu gehen und die Pneus zu prüfen, weil ich das wegen meiner Behinderung in Beinen und Händen nicht könne - nie kam "Hä? Mach's dir selber, Alter!". Ähnliches gilt für die Scheiben, wenn diese sich mal wieder im Zustand hoher Reinigungsbedürftigkeit befinden: Wer fragt, dem wird geholfen.

Bei "Agip" sind an den Zapfsäulen auch Aufkleber mit einem Rollstuhlsymbol und dem Text: "Bitte hupen, wir helfen!" Tagsüber, wenn die Tankstellen nicht mit Minimalbesetzung betrieben werden, sollte von solchen Angeboten bei Bedarf hemmungslos Gebrauch gemacht werden. Andere Tankstellen(-wärter), z.B. "Jet", äußerten sich ähnlich, und der neuerdings an einigen "Shell"-Tanken "reanimierte" Tankwart hilft sicher auch - aber besagte Aufkleber kenne ich bloß von "Agip".

In Restaurants kann es geschehen, dass die Speisenwahl von (einseitig) Handbehinderten nach "technologischen" Gesichtspunkten erfolgt: Man hat das Mahl mit einer Hand zu bewältigen; Steaks zu schneiden gibt Probleme. Muss es aber nicht! Sowohl die mit einem am Tisch sitzenden Mit-Esser als auch das Küchenpersonal sind erfahrungsgemäß gerne bereit, Fleischstücke u. dgl. verzehrgerecht zu tranchieren, wenn es gewünscht wird. Genauso habe ich in einem SB-Restaurant immer gefragt, ob mir jemand vom Personal das Tablett an meinen Tisch tragen und ob ich von der Bürgerpflicht des Wegräumens nach dem Essen befreit werden kann. Die Erfahrung ist: Es funktioniert.

Der Wunsch, möglichst viel noch selbständig hinzubekommen, ist nachvollziehbar und zunächst richtig. Manchmal kann es aber nicht nur idiotisch, sondern auch gefährlich sein, darauf zu beharren. "MS" steht nun mal leider nicht für "Mister Superman" / "Miss Supergirl". Die retteten zwar fortlaufend die Welt - aber eben auch nicht ganz allein, Film- und Comicindustrie haben ihnen geholfen. Wer Hilfe braucht, weil es sonst nur sehr, sehr langsam oder gar nicht geht, sollte nicht zögern, darum zu ersuchen und / oder diese anzunehmen. Auf schon zu vielen Grabsteinen steht: "Er dachte, er schafft das".

Frithjof Northmann, November 2007

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